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Heinz Nixdorf Paderborn

Bescheiden sind sie, die Verhältnisse, aus denen einer der größten Computer-Pioniere Europas erwächst: Den verarmten Sohn eines Bahnarbeiters aus Paderborn kennt Mitte des 20. Jahrhunderts kaum jemand. Doch nur wenig später wird sein Name zum Synonym des deutschen Wirtschaftswunders: Heinz Nixdorf. Der Mann, der über Paderborn sagte: „Hier bin ich geboren, hier werde ich begraben.“

Folge 1 der Reihe Very Important Paderborner

Von ganz unten nach ganz oben

Am 9. April 1925 wird Heinz Nixdorf als erstes von fünf Kindern in Paderborn geboren. Sein Vater Walter Nixdorf muss sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen und bekommt erst 1939 eine feste Stelle bei der Reichsbahn in Paderborn. Die Familie lebt in Armut und mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs verschlimmert sich die Situation noch. Erst 1947 kann Nixdorf mit Hilfe eines Stipendiums aufgrund guter Schulleistungen sein Abitur beenden. Anschließend beginnt er ein Physik- und BWL-Studium in Frankfurt, das er sich ebenfalls nur dank eines Stipendiums leisten kann.

Erfinder des “künstlichen Gehirns” fördert Nixdorf

Während eines Praktikums lernt er Walter Sprick kennen. Sprick gilt als Genie; die Medien bezeichnen ihn als Vater des ersten “künstlichen Gehirns” in Deutschland. Der technisch versierte Physiker hat das erste in Deutschland gebaute elektronische Rechengerät entwickelt. Nixdorf ist begeistert und wird sein Gehilfe. Ihn verbindet viel mit dem Computerpionier: Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen, sind in Paderborn zur Schule gegangen und haben Physik studiert.

Heinz Nixdorf in den Räumen der RWE in Essen
Heinz Nixdorf in seinem Labor für Impulstechnik der RWE Essen | (c) Heinz Nixdorf Museumsforum

Sprick unterstützt den talentierten Heinz Nixdorf, der sich mit 27 Jahren dazu entschließt sein Studium abzubrechen und eine kleine Elektronikfirma zu gründen: Im Sommer 1951 startet sein Labor für Impulstechnik in den Kellerräumen des RWE Essen. Sprick überlässt seinem Schützling seine Erfindungen und sein Patent auf die elektronischen Rechengeräte. Mit der Fertigstellung und Zulieferung von Röhrencomputern beginnt der Aufstieg der Firma, die 1959 ihren Sitz nach Paderborn verlegt. Nixdorfs Kleinrechner stoßen in eine Marktlücke, die von den Großrechnern der Konkurrenz bislang nicht erfolgreich abgedeckt wird.

“Investitionen in Menschen sind wichtiger als in Maschinen”

Trotz häufiger finanzieller Engpässe gelingt es Nixdorf, seine Firma am Markt zu etablieren. Er wird einer der wichtigsten Zulieferer von elektronischen Rechenwerken für bedeutende Büromaschinenhersteller in Europa. Nixdorf gilt als sozial ausgerichteter Arbeitgeber:

Vor dem Himmel kommt das Leben auf Erden. Und da gilt es, eine soziale Gesellschaft aufzubauen. Investitionen in Menschen sind auch wichtiger als in Maschinen.
Heinz Nixdorf

Häufig räumt er der Schaffung neuer Arbeitsplätzen eine höhere Priorität ein als der alleinigen Fokussierung auf Gewinn. Er investiert in die praxisnahe Ausbildung seiner Lehrlinge, aus der 1972 das b.i.b. hervorgeht. Nach einem erlittenen Herzinfarkt errichtet Nixdorf 1984 den Ahorn-Sportpark, um seinen Angestellten, den Paderbornern und natürlich auch sich selbst größere Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung in der Stadt zu bieten. Auch wenn sein Führungsstil nach innen einigen als dominant gilt, beteiligt Nixdorf 1972 erstmals seine Mitarbeiter an dem Gewinn des Unternehmens: zunächst in Gewinnbriefen, dann in Belegschaftsaktien. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum werden 102.000 Vorzugsaktien kostenlos an die Mitarbeiter ausgegeben.

Einführung der Nixdorf-Aktien
Einführung der Aktien der Nixdorf Computer AG 1984. (Nixdorf 3. von links)| (c) HNF

Der “knorrige Patriarch der Elektronik”

Nixdorf wird zur Vorzeigefigur der deutschen Computerbranche. Die Medien interessieren sich für ihn, doch der bodenständige Paderborner gibt nicht viel auf den Rummel um seine Person. Natürlich ist Nixdorf nicht nur der soziale Wohltäter, sondern tritt auch als ehrgeiziger Unternehmer mit teils aggressivem, rauen Ton auf. Die ZEIT bezeichnet ihn 1984 als “knorrigen Patriarch der Elektronik” und “Westfale, wie er im Buche steht – groß, eckig, blond, spröde.” Jedoch kann sie auch seine “geniale Begabung, in der sich ein herausfordernder, mitreißender Führungstil mit innovativer Autorität verbindet”, nicht verschweigen. Neben “seiner tief verwurzelten Angst vor den Russen” zitiert der SPIEGEL auch einige oft polemische Sprüche: “Die Deutschen arbeiten wenig, feiern oft krank und haben zuviel Urlaub.”

1960 heiratet Nixdorf Renate Ring und wird in den Folgejahren Vater von drei Söhnen. Mit 42 Jahren verfügt er über so viel Kapital, dass er seinen größten Kunden, die Wanderer Werke aus Köln, kurzerhand aufkauft und mit seiner Firma 1968 zur Nixdorf Computer AG fusioniert. Der Bürocomputer Wanderer Logatronic wird nun als Nixdorf 820 verkauft und entwickelt sich zum Kassenschlager. Die Maschine begründet seinen Ruf als Pionier der dezentralen elektronischen Datenverarbeitung. Nixdorf hatte seine Marktlücke gefunden und sich vom Zulieferer zum eigenständigen Produzenten von Rechenmaschinen entwickelt.

Tischrechner Nixdorf 820
Der Tischrechner Nixdorf System 820 | (c) HNF

100 Millionen für einen druckenden Tischrechner

Computer müssen so klein sein, daß sie in die linke untere Schublade eines Buchhalter-Schreibtisches passen.
Heinz Nixdorf

Diese damals visionäre Ansicht bewegt Nixdorf dazu, den Tischrechner Conti zu entwerfen. Der elektronische Rechenautomat von der Größe einer Schreibmaschine bewältigt alle vier Rechenarten bis auf zwölf Stellen nach dem Komma und druckt die Rechenergebnisse auf zwei Kopien. Was heute keine Besonderheit mehr ist, bringt Nixdorf 1968 einen Großauftrag aus den USA ein. 10.000 Rechner für über 100 Millionen Mark ordert ein Unternehmen aus Chicago, das später von Nixdorf aufgekauft wird. Somit schafft es der Paderborner, den amerikanischen Großfirmen zu trotzen und Fuß auf dem amerikanischen Markt zu fassen.

Heinz Nixdorf – Bester Manager Europas!

Der Boom der Nixdorf Computer AG ist nicht mehr aufzuhalten: 1971 kommt ein neues Verwaltungsgebäude an der Fürstenallee hinzu, 1977 klettert der Umsatz über eine Milliarde DM, 1986 liegt er weltweit bei 4,5 Milliarden DM. Heinz Nixdorf — jeder kennt nun diesen Namen! Er ist der viertgrößte Computer-Hersteller Europas mit Tochtergesellschaften in 44 Ländern und insgesamt 25.500 Mitarbeitern. Nixdorf gilt als eine der Symbolfiguren des deutschen Wirtschaftswunders. Er ist Marktführer für Mittlere Datentechnik in Deutschland und das amerikanische Wirtschaftsmagazine Fortune wählt Nixdorf zum besten Manager Europas. Auch deutsche Magazine küren ihn zum Manager des Jahres und Bundespräsident Richard von Weizsäcker bezeichnet ihn als “ideenreichsten und erfolgreichsten Unternehmer der Bundesrepublik.”

Heinz Nixdorf Computer-Unternehmer
Einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit: Heinz Nixdorf | (c) HNF

Herzinfarkt auf Computermesse

März 1986, Nixdorf besucht die Computermesse CeBit in Hannover. Angeblich liefert er sich heftige Wortgefechte mit ehemaligen Mitarbeitern, die ihn drängen, den Kurs seines Unternehmens zu ändern. Heinz Nixdorf vertröstete sie auf später, er will jetzt feiern. Er hat eine große Western-Show für seine Geschäftsfreunde auf der Messe organisiert. Eine Band spielt kurz vor Mitternacht den Song Souvenirs, Souvenirs, Nixdorf tanzt Fox-Trott. Plötzlich hört die Band auf zu spielen: Nixdorf, mittlerweile 60 Jahre alt, ist mitten im Zelt zusammengebrochen. Der ehrgeizige Sportler stirbt mitten auf der Messe an einem Herzinfarkt.

Mit dem Tod Nixdorfs löst sich auch seine eigenständige Firma auf: 1990 geht die Nixdorf Computer AG als Computer-Sparte von Siemens in die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG auf. Nach weiteren Schrumpfungen, Schließungen und Neuordnungen entwickelt sich daraus die bis heute bestehende Wincor Nixdorf AG. Sie zählt zu den weltweit führenden Anbietern von IT-Lösungen und Services für Retailbanken und Handelsunternehmen.

Weitere Infos über Heinz Nixdorf:

Alle Folgen hier: 
Very Important Paderborner

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Bildnachweis: Zur Verfügung gestellt durch das Heinz Nixdorf MuseumsForum

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