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Alte Schule Rockt Fest, Vol. 5 Paderborn Kulturwerkstatt
Bildnachweis: Abstürzende Brieftauben

Am kommenden Samstag, den 18. März 2017, ist es wieder soweit: Die fünfte Ausgabe des Alte Schule Rockt Fest in der Paderborner Kulturwerkstatt ist ein Highlight für alle Punk-Rock-Fans. Die Traditions-Band Dukes of the Mist lädt dazu wieder verschiedene Bands in die Bahnhofstraße 64, um “einen Abend des gemütlichen Absturzes zu zelebrieren.” Besonders die Band “Abstürzende Brieftauben” sticht diesmal hervor, die seit 24 Jahren zum ersten Mal wieder öffentlich in Paderborn auftritt. Sie ist ein absoluter Klassiker der deutschen Punk-Geschichte und mit ihrem Hit “Pa-pa-paderborn”, der auch im Film “Kein Pardon” von Hape Kerkeling inszeniert wurde, vielen Paderbornern bekannt.

Neben den Abstürzenden Brieftauebn und den Dukes of the Mist sind auch noch Brausepöter und 54 Nailhead mit dabei. Los geht’s am Samstag um 20 Uhr in der Kulturwerkstatt, Einlass ist um 19 Uhr. Karten bekommt ihr im Vorverkauf für 12 Euro per Kontakt auf kombinattonrausch.de  oder zzgl. Gebühren bei ticket direct. An der Abendkasse kosten die Karten 15 Euro. Präsentiert wird das ganze von Kombinat Tonrausch.

“Pa-pa-paderborn” aus dem Film “Kein Pardon” von Hape Kerkeling:

„Fun-Punk“ mit Stolz

„Darauf habe ich seit 1994 gewartet!“ schreibt Facebook-User Niko über die fünfte Ausgabe des Alte-Schule-Rockt-Festivals. Was er genau meint? Als Headliner konnten die Veranstalter rund um die Paderborner Punkveteranen Die Duke$ of the Mist und das Kombinat Tonrausch einen ganz besonderen Leckerbissen verpflichten: Die Abstürzenden Brieftauben. In den 90er Jahren waren sie neben den Ärzten und den Hosen eine der größten Punkbands des Landes, schafften es ironischerweise sogar, ein heißes Thema in der „Bravo“ zu werden. Im Gegensatz zu vielen Vertretern der Szenepolizei trugen sie die Bezeichnung „Fun-Punk“ stets mit Stolz, wussten sie doch immer, dass Humor eine der stärksten Waffen gegen Intoleranz und ihre schlimmsten Ausprägungen ist. In der Region dürften sie vor allem durch ihren Hit über die ostwestfälischen Ballungsgebiete bekannt geworden sein. Wer kennt nicht die legendäre Zeile: „Pa-Pa-Paderborn, da hab ich mein Herz verlor’n“? Und was war jetzt mit 1994? Da haben die Tauben ihr letztes Konzert in Paderborn gegeben, auch in der Kulturwerkstatt! Insofern können wir dem Powerduo danken, dass es sich 2013 reformiert hat, um auch diesen Kreis beim fünften ASRF zu schließen. Und natürlich auch, weil es mit „Doofgesagte leben länger“ ein tolles neues Album mitbringt, das es mit notwendigen Songs wie „Nie wieder Pegida“ sogar in die deutschen Albumcharts geschafft hat.

Neben dem Pflichtauftritt der Duke$ of the Mist, die wieder ein Heimspiel zelebrieren werden, gibt es noch eine Punklegende zu sehen: Die Rietberger Brausepöter gehören – 1979 gegründet – zu den ältesten Vertretern ihrer Zunft im gesamten Bundesgebiet. Ihre treue Fangemeinde, dies sich von den USA bis Berlin erstreckt, feiert das Trio für ihren Mix aus Punk und Neuer Deutsche Welle. Ein Gastspiel in Paderborn ist lange her und damit längst überfällig. Komplettiert wird das Line-Up durch die Paderborner 54 Nailhead, die dem Abend mit ihrem aggressiven Rock’n’Roll eine zusätzliche Facette der harten Gangart verleihen werden.

Abstürzende Brieftauben: „Doofgesagte leben länger“

Fun-Punk. Unter den Strengen und Orthodoxen war der Begriff damals verpönt. Sogar Michael „Olga“ Algar, Sänger der Toy Dolls, die international als Erfinder des Genres gelten, lehnt den Begriff bis heute ab. Sein Kollege Mirco „Micro“ Bogumil erinnert sich, wie „Olga“ empört sagte: „Das ist doch keine Comedyshow!“ Die Abstürzenden Brieftauben hingegen, die Micro 1983 gemeinsam mit Konrad Kittner gründete, trugen die Bezeichnung mit Stolz. „Wir waren die ersten, die das hierzulande aufs Plakat geschrieben haben: Deutschlands Fun-Punk-Duo Nr. 1.“ Eine Reaktion darauf, direkt zu Beginn ihrer Laufbahn zu hören zu bekommen: „Ihr seid doch gar keine Punks!“ Von den Strengen und Orthodoxen. Denen, die von echter Freiheit wenig verstehen …

Dabei war der „Fun“ der Abstürzenden Brieftauben die echte Befreiung, die Luft zum Atmen, das verschmitzte Schmunzeln bei geballter Faust, die Blume im Knopfloch zu Nietengürtel und rot geschnürten Stiefeln. Stets spielten sie schnell, griffig und kalifornisch statt langsam, scheppernd und britisch, verbanden sie wohlgelaunte Hooklines mit klaren Ansagen, waren die NoFX der Bundesrepublik. Das Stagediving und die Verbrüderung auf der Bühne ohne Gitter und Absperrung selbst bei größeren Veranstaltungen pflegten sie früher als die meisten. Der Musikindustrie öffneten und verweigerten sie sich gleichzeitig. Als ihnen in den Neunzigern rund um Alben wie „Im Zeichen des Blöden“ und „Der Letzte macht die Tür zu“ sogar Charterfolg und BRAVO-Storys zufielen, schrieben sie mit „EMI“ eine Persiflage auf ihre Plattenfirma und schafften es fast, den Song unbemerkt aufs Album zu schmuggeln. „Die Platte war schon praktisch im Druck“, sagt Micro, „nur irgendwann hat sich jemand das Band tatsächlich mal bis zum Ende angehört.“ Die Single zum Album besteht größtenteils aus Originalanrufen auf Konrads AB. In Hape Kerkelings Film „Kein Pardon“ spielen sie Kabelhilfen. Die Tourneen durch die nach der Wiedervereinigung frisch zur BRD gestoßenen Neuen Bundesländer werden zu „Selbstverteidigungstouren“ durch von angriffslustigen Faschos besetztes Gebiet. Einmal reisen ihnen 150 Neonazi-Hooligans sogar mit der Bahn hinterher. „No Fun“, doch die Brieftauben flogen konsequent weiter.

Rund 25 Jahre später sieht es in manchen Teilen Ostdeutschlands wieder so aus wie damals. Da ist es nur konsequent, dass die Tauben als erste Single der neuen Platte einen Ohrwurm namens „Nie wieder Pegida“ auspacken. 1997 wurde (bis auf zwei kleine Reunionkonzerte 2002) die Band beendet. 2006 musste Micro seinen besten Freund und Mistreiter Konrad mit nur 44 Jahren nach einem Herzstillstand beerdigen. Auf Konrads Grabstein steht „pacem et circenses“, eine anspielungsreiche Mischung aus dem römischen „Brot und Spiele“ sowie dem 1993er-Albumtitel der Band, „Krieg und Spiele“. Eine Haltung, die Micros neuer und aktueller Mitstreiter Olli sein Leben lang als Fan der Band aufgesaugt hat, bis er 2013 schließlich selber Mitglied wurde. „Es hat lange Anläufe gebraucht, bis wir gemeinsam eine Musik machen konnten, die wirklich wieder die Tauben klingt“, sagt Micro, „aber es hat geklappt.“ Jetzt wird alles wieder so gemacht wie früher: Im eigenen Studio aufgenommen, selber produziert, durch den gefährlichen Osten getourt. Und vor allem – wieder geschrieben! „Die meisten haben uns geraten: Macht bloß kein neues Album, spielt die alten Sachen. Das reicht.“ Hört man „Doofgesagte leben länger“ kann man nur mit einem breiten Grinsen im Gesicht ausrufen: DANKE, Micro und Olli! Danke, dass ihr nicht darauf gehört habt! Denn DAS, liebe Journalisten, Fanziner oder Veranstalter, die ihr diesen Text hier gerade lest, DAS ist die Luft zum Atmen, die der Punk braucht und die einem das Gefühl gibt, am Leben zu sein! Weder ellenlange Manifeste noch profane Suffschlager, sondern die Essenz aus ganz viel Spielfreude und den paar klaren Grenzen, die man sich für ein würdevoll widerständiges Leben setzt. Gegen Faschos. Gegen Überwachung. Gegen Frühvergreisung. Für Freiheit, für Freude, für das Leben, in dem man einfach mal drauf scheißt. Die Strengen und Orthodoxen? Sitzen heute in Parteien oder haben sich ein Eigenheim gebaut. Weil sie nie verstanden haben, dass man seine Ketten am besten durch ganz einfache Maßnahmen sprengt. Zum Beispiel, in dem man einfach all die kleinen, trotzigen Vorschläge für den Alltag auslebt, welche 2016 mittels motivierender Taubenpost im herrlich zerfledderten Schlingerflug angeliefert werden.

Auf den Konzerten, die die Tauben seit 2013 wieder spielen, erlebt Micro, wie viel ihre Art von Punk tatsächlich bewirkt hat. „Da kommen Leute aus der ehemaligen Ostzone, die sagen: Ihr habt uns das Leben gerettet.“ Oder Schränke, „drei Jahre Knast auf dem Buckel, tätowiert, Ringe im Gesicht“, nehmen Micro in den Arm und sagen: „Du warst als Junge für mich der Größte.“ Glücklich all die jungen Leute von heute, die mit den Tauben diese Erfahrung nun noch einmal ganz von vorne machen können. (Oliver Uschmann)

Bildnachweis: Abstürzende Brieftauben

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